Header Kommentar Burgi

Wie halbwegs kluge Menschen dazu beitragen,
dass sich weniger kluge Menschen so richtig blöd fühlen

Ein Kommentar von Walburga Fröhlich

Man kann in unserer Gesellschaft handwerklich völlig unbegabt sein, nicht mal zwei Holzbretter zusammenschrauben können, auch nicht selbst für sich kochen oder eine Socke stopfen, ohne besonders abwertende Kommentare fürchten zu müssen.
In gewissen Kreisen gilt es regelrecht als schick, keinen einzigen Gesellschaftstanz zu beherrschen, und es ist selbst ausgewiesenen Bildungsbürgern erlaubt, kein einziges Musikinstrument zu beherrschen oder in Mathematik immer zwischen sein oder nicht sein mäandert zu haben. Ganz zu schweigen von defizitären  sozialen und emotionalen Kompetenzen, wie beispielsweise minder entwickelter Empathie. Das alles darf in unserer gebildeten Welt vorkommen und gehört zur Vielfalt der menschlichen Spezies dazu. Sind halt nicht alle überall gut, na und?

Aber wehe, man ist nicht in hohem Ausmaß mit jenen Begabungen, und jenem sozialen, wie finanziellen Hintergrund ausgestattet, die es uns ermöglichen, eine erfolgreiche Schullaufbahn bis zum Studium hinzulegen. Wehe, man ist eher praktisch begabt und kein begeisterter Leser von Kindesbeinen an. Wehe, man hatte kein Elternhaus, das einen trotz Lernschwierigkeiten, notfalls mit Nachhilfe im Wert eines Kleinwagens, bis zur Matura durchtrug. Wehe, man kommt mit einer kognitiven Einschränkung zur Welt, dann ist‘ s vorbei mit der Toleranz der Vielfalt. Aber hallo!

Dann beginnt die - sackweise mit negativen Vorurteilen geölte - Zuschreibungs-Maschinerie (für die Intellektuellen unter den Leserinnen und Lesern – das Attribuieren) anzufahren.
Wer Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen hat, dem wird in Bausch und Bogen Unwillen, Faulheit und Desinteresse unterstellt. Der Untergang des Abendlands wird heraufbeschworen, sollten wir uns dazu herablassen, solchen Menschen entgegen zu kommen und Informationen so zu schreiben, dass sie diese auch lesen und verstehen können.
Am schlimmsten für die eigene Befindlichkeit scheint es ja zu sein, wenn man selbst – aus welchem Grund auch immer – mit einer Information, die besonders leicht verständlich geschrieben wurde, in Berührung kommt. Denn irgendwo im Subtext solcher Texte scheint versteckt zu sein, dass jeder Mensch, der sowas liest, ab sofort von allen für blöd erklärt wird.
Lese- und Lernschwierigkeiten haben in den wenigsten Fällen etwas mit Blödheit zu tun. Sie sind genauso wie musikalische, sportliche, praktische oder soziale Minderbegabung Ausdruck der Vielfalt menschlicher Natur. Selbstverständlich kann jeder Mensch sich mit Fleiß und Ausdauer auch bei einer Minderbegabung zumindest Basiskompetenzen erwerben, aber eben: Basiskompetenz ist nicht Virtuosität, Flohwalzer nicht Beethovens Klavierkonzert, Nordic Walken nicht Marathonlaufen und Spaghetti Bolognese nicht Haubenküche, LL-Info nicht Ulysses. Aber beim Thema „lesen können“ fällt es uns so schwer, es zu akzeptieren. Das ist eigentlich richtig blöd.

PS: Selbstverständlich gibt es bessere und weniger gut gelungene Texte in leicht verständlicher Sprache. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Für alle, die das nächste Mal gut informiert über das Thema lesen, schreiben, oder einfach mal in den „social Media“ punkten wollen, gibt es hier einen Literaturtipp!

Mehr zum Thema hier  auf BIZEPS.